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Das Lied der Lieder

(Das Hohelied)

 

  Das »Lied der Lieder« (dieser Begriff bedeutet im Hebräischen: »Das schönste Lied«) ist ganz auf die Erde bezogen, auf die Liebe des Königs Salomo zu seiner Freundin, auf die Hochzeit, auf die eheliche Liebe. Dabei sind allerdings die Parallelen zur Liebe des Messias und Königs Israels zu Seiner Braut, Seinem Volk Israel, unübersehbar. Mithin schwingt die alles überreffende Liebe Jesu in den Herzen der gläubigen Leser stets mit, ja »das schönste Lied« ist das Lied der Liebe Jesu zu Seiner Braut.

  Das Lied orientiert sich im Übrigen an der Geschichte Israels, und zwar an der Zeit des ersten und zweiten Kommens des Königs Jesus. Dieses Buch der Bibel ist ein erlesenes Gedicht über die entscheidenden Epochen der Geschichte Israels unter dem Gesichtspunkt der Liebe Gottes.

 

Kapitel eins

 

1 Das Lied der Lieder, das von Salomo ist.

2 Er küsse mich mit seines Mundes Küssen,

denn wonnig sind deine Freundschaftserweisungen, mehr als Wein.

3 Köstlich ist der Wohlgeruch deiner Salböle,

wie ausgegossenes Salböl ist dein Name;

darum lieben dich die Mädchen.

4 Ziehe mich (zu dir)!

Dir nach wollen wir laufen.

Kommen ließ mich der König in seine Kammern.

Wir wollen frohlocken und uns in dir freuen,

wollen deiner Freundschafserweisungen gedenken,

mehr als des Weins.

Geradlinige lieben dich.

 

  Die Geliebte spricht. Sie sehnt sich nach den Küssen des Königs. Seine Salböle sind von erlesenem Wohlgeruch, allein der Gedanke an seinen Namen und mithin auch an seine Gesinnung ist wie ausgegossenes und seinen Duft rückhaltlos entfaltendes Salböl. Sehnte sich nicht auch Zacharias, der Vater Johannes des Täufers, nach der Rettung Israels durch einen Spross aus dem Hause Davids (Luk. 2:67 - 79), und waren da nicht die Prophetin Hanna und ein Mann namens Simeon, die nach dem Messias ausschauten (Luk. 2:25 - 38)?

  Die Geliebte erfreut sich der Freundschaftserweisungen, so wie die Gläubigen Jesu Wunder und Sein Erbarmen priesen.

  »Ziehe mich (zu dir)!« Jewe liebt Israel. Mit den Tauen der Liebe zog Er sie, erhöhte Er sie und speiste Er sie (Hos. 11:1, 4). Jesu Vater zog die, die zu Jesus kommen sollten, zu Ihm (Joh. 6:44). Jesus wird alle zu Sich ziehen (Joh. 12:32).

  »Dir nach wollen wir laufen.« Als Jesus die Zwölf fragte: »Ihr wollt doch nicht auch weggehen?, antwortete Petrus: »Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte äonischen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt, dass Du der Heilige Gottes bist« (Joh. 6:67 - 69).

  Die Worte »Kommen ließ mich der König in seine Kammern« sind kein Bericht über Geschehenes, sondern Ausdruck eines Wunsches, ebenso wie »Ziehe mich zu dir« und »Wir wollen frohlocken und uns in dir freuen.« Die Geliebte wünscht mit ihrem Geliebten vermählt zu werden.

  Die Gläubigen und Treuen frohlocken und freuen sich in Jewe und Seiner Huld (Ps. 31:8), ja allezeit freuen sie sich im Herrn Jesus.

  Nur Geradlinige, Aufrichtige lieben Jesus; andere, die Selbstbezogenen, können das gar nicht. David segnete Jewe einst mit den Worten: »Ich erkenne, mein Elohim, dass Du der Prüfer des Herzens bist und Du Wohlgefallen an Geraden hast. Ich, in der Geradheit meines Herzens zeigte ich mich willig zu all diesen (Spenden), und nun, Dein Volk, das sich hier befindet, sah ich mit Freuden, weil es sich Dir willig zeigt« (1. Chron. 29:17).

 

5 Schwarzrot bin ich und doch verlangt,

(ihr) Töchter Jerusalems,

wie die Zelte Kedars, wie die Teppiche Salomos.

6 Seht mich nicht an,

da ich schwarzrötlich bin, da die Sonne mich färbte.

Die Söhne meiner Mutter waren gegen mich entbrannt

(und) setzten mich als Hüterin der Weinberge ein;

(jedoch) meinen Weinberg, den meinen, hütete ich nicht.

7 Tue mir kund, (du), den meine Seele liebt,

ach, wo hirtest du, ach, wo verweilst du am Mittag?

Warum soll ich wie eine sich Verhüllende

bei den Herden deiner Gefährten erscheinen?

 

  Schwarzrot ist die Geliebte, die Braut des Lammes, weil die Sonne sie verbrannt hat. Israel ist ganz unwürdig, die Sünde hat sie gezeichnet. Und dennoch ist sie verlangt – von Ihm. Der Messias nimmt Sich ihrer an. So rühmt sie sich in Ihm vor den Töchtern Jerusalems. Sie ist schwarzrötlich wie die aus schwarzen Ziegenfellen hergestellten Zelte Kedars, eines Gebiets ismaelitischer Nomaden, und dennoch so begehrt wie die prächtigen Teppiche Salomos.

  Die Geliebte ist zwar über viele Weinberge gesetzt, ihren eigenen Weinberg aber, Israel, sich selbst, hütete sie nicht. Der Weinberg Jewes der Heere ist das Haus Israel (Jes. 5:7).

  Der Weinstock kam aus Ägypten und verdrängte die Nationen des Landes (Ps. 80:9). Er sollte süße Trauben und Wein hervorbringen, der das Herz der Menschen erfreut (Rich. 9:13; Ps. 104:15; Pred. 10:19), brachte aber keinen Ertrag, der Elohim erfreute, sondern nur verdorbene Furcht (wörtlich: Stinkende) hervor (Jes. 5:2; Hos. 10:1).

  Was tat unser Herr Jesus mit jenem Weinberg? Er verwarf ihn (Mat. 21:43; Röm. 11:15). Jesus Christus ist der wahre Weinstock (Joh. 15:1). Alle, die in Ihm sind, werden gute Frucht tragen. Das zukünftig wiedergeborene Israel, die Geliebte (Hos. 2:25; Röm. 9:25), wird die rechte Frucht zum Segen der Menschen und zur Verherrlichung Gottes hervorbringen (Mat. 21:43).

  Die Geliebte, die Auserwählten aus Israel, das wahre Israel mithin (Röm. 2:28, 29; 9:6 - 8) – sie liebt den König, wie sie in Vers sieben sagt, und erfüllt so das Gebot des Herrn: »Lieben sollst du den Herrn, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Denkart« (Mat. 22:37). Sie fragt, wo ihr Hirte sich aufhält, fragt also nach Jesus, dem edlen Hirten (Joh. 10:11), dem großen Hirten der Schafe (Heb. 13:20). Sie fragt, wo ihr Hirte verweilt, damit sie nicht bei fremden Herden erscheint und sich aus Scham oder Trauer verhüllen muss. Der große Hirte wird alle Völker hirten (Off. 12:5; 19:15), und die Hirtin des Hoheliedes (1:8) wird Ihm dabei zur Seite stehen (Off. 2:27).

 

8 Wenn du das nicht selbst erkennst,

(du), die Schönste unter den Frauen,

(so) gehe für dich hinaus in den Fersenspuren des Kleinviehs

und hirte deine Zicklein bei den Wohnungen der Hirten.

9 Mit meiner Stute inmitten der Fahrzeuge des Pharaos

vergleiche ich dich, meine Freundin.

10 Verlangt sind deine Wangen in blickfangenden (Schmuckkettchen),

dein Hals in Muschelketten.

11 Blickfangende (Schmuckkettchen) aus Gold wollen wir dir machen,

samt den silbernen Perlen.

 

  Der König spricht, der Geliebte antwortet. Wenn du nicht weißt, wo ich bin, dann bleibe bei deinem Kleinvieh, neckt er sie. Du bist aber doch wie eine Stute inmitten der mit Hengsten bespannten Prachtwagen des Pharaos, die eine und einzige Frau für mich mithin und eine einzigartige, die schönste. Schließlich ist Israel einzigartig, es wird die einzige königliche (regierende) und priesterliche Nation sein, und sich nicht zu den (übrigen) Nationen zählen (2. Mose 19:6;

4. Mose 23:9). Hochbegehrt bist du in deiner Schönheit und deinem reizenden Schmuck. Ich werde dir noch mehr Schmuck aus Gold und Silber anfertigen lassen. Der König Jesus wird Israel mit dem Gold der Herrschaft und dem Silber der Erlösung schmücken.

 

12 Solange der König in seiner (Tafel-)Runde ist,

gibt meine Narde ihren Duft.

13 Ein Schnürsäckchen mit Myrrhe ist mir mein Freund,

das zwischen meinen Brüsten nächtigt.

14 Ein Traubenbüschel vom Hennastrauch ist mir mein Freund

in den Weinbergen von Engedi.

 

  Die Geliebte spricht. Der Duft ihrer Narde trägt ihre Liebe zum König hin, so wie auch Maria, die Schwester des Lazarus und der Martha, ihre Liebe zu Jesus bezeugte, als sie Seine Füße mit einem Pfund wertvoller Narde salbte (Joh. 12:3).

  Für »Hennastrauch« steht in Vers 14 wörtlich »Schirmendes«. Jesus ist der Israel vor ihren Sünden Beschirmende, der Sühnedeckel (Röm. 3:25). Engedi ist eine Oase am Westufer des Salzmeers.

 

15 Siehe! Du bist schön, meine Freundin.

Siehe! Du bist schön.

Deine Augen sind Tauben.

16 Siehe! Du bist schön, mein Freund,

du stehst mir sogar bei.

Sogar unsere Liege ist üppig.

17 Die Balken unserer Häuser sind Zedern,

unsere Täfelungen Verbundhölzer (oder: Zypressen).

 

  Tauben sind friedlich und ohne Arglist (Mat. 10:16), und Augen sind Ausdruck des Wesens; Augen wie Tauben bezeichnen mithin einen angenehmen Charakter. Die gegenseitige Bekundung der Schönheit findet vielleicht in einem reich ausgestatteten Haus statt. Ist Israel etwa nicht reich? Der Sohnesstand und die Herrlichkeit, die Bündnisse und die Gesetzgebung gehören ihnen, der Gottesdienst und die Verheißungen, die Väter gehören ihnen an, und Christus stammt dem Fleisch nach aus ihnen (Röm. 9:4, 5). Israel ist der in königlichen Purpur und priesterlichen Batist gekleidete reiche Mann (Luk. 16:19).

  Zedern erinnern daran, dass Gerechte wachsen wie sie (Ps. 92:13).

 

Kapitel zwei

 

1 Ich bin (nur) die im Schatten Versteckte (Narzisse) des Scharon,

(nur) die Lilie der Tiefebenen. –

2 (Nein), wie eine Lilie zwischen den Disteln,

so ist meine Freundin unter den Töchtern. –

 

  Die Geliebte ist demütig und bescheiden, der Geliebte aber sagt ihr, dass sie hervorstrahlt wie eine weiße Lilie zwischen blassen Disteln. Lilien sind herrlich, wie unser Herr Jesus sicherlich auch in Bezug auf das Hohelied sagte: »Nicht einmal Salomo in all seiner Herrlichkeit war so umhüllt wie eine von diesen« (Mat. 6:29). Israel ist diese Lilie.

  Der Scharon ist die Küstenebene südlich des Karmel.

 

3 Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes,

so ist mein Freund unter den Söhnen.

In seinem Schatten begehre ich zu sein und zu sitzen,

und seine Frucht ist süß für meinen Gaumen.

4 Kommen ließ er mich zum Haus des Weins,

und sein Panier (Feldzeichen) über mir ist die Liebe.

5 Erquickt mich mit Feurigen (Alkoholischen, Bechern Wein),

stattet mich aus mit Äpfeln,

denn ich bin krank vor Liebe.

6 Seine Linke ist unter meinem Haupt,

und seine Rechte umarmt mich.

7 Ich beschwöre euch, (ihr) Töchter Jerusalems,

inmitten der stattlichen (Gazellen) oder inmitten der Hirschkühe des Gefilds:

(Wehe), wenn ihr erwecken lasst,

(wehe), wenn ihr die Liebe erweckt,

bis es gefällt.

 

  Diese Worte sind Ausdruck der Sehnsucht nach der Erfüllung der Liebe, zunächst in seinen Umarmungen, dann in der Ehe.

  Sie fühlt sich bei ihm geborgen, im Schatten des Apfelbaums. Ihr Gaumen schmeckte die Äpfel, seine Liebeserweisungen. Zudem zeigte Salomo seine Liebe zu ihr öffentlich, nämlich durch sein Panier, das Panier der Liebe. So ist sie nun krank vor Liebe – eine solche Gewalt übt die Liebe in ihrem Körper aus –, und sie brennt nach seinen Umarmungen und Liebkosungen.

  Jesus umwarb Israel mit Seiner Liebe, zum Beispiel indem Er ihnen Wasser in Wein verwandelte (Joh. 2:1 - 11), Sich in Gleichnissen als ihr Bräutigam darstellte (Mat. 9:15; 25:1), ihnen äonisches Leben verhieß (Joh. 3:16), ihr Brot vermehrte und Kranke heilte. So umarmte Er sie. Er liebte sie (Joh. 13:1) und gab Sich aus Liebe zu ihnen dahin bis zum Tode, ja bis zum Kreuzestod.

  Dann (Vers 7) gibt die Geliebte den Töchtern Jerusalems, die nun auch möglichst bald eine solche Liebe erfahren möchten, den guten Rat, nichts zu überstürzen, sondern in Geduld zu warten, bis die Liebe erwacht. Liebe lässt sich nicht erzwingen; Gott wird sie zu gegebener Zeit schenken. Alles hat seine Zeit, auch die Liebe (Pred. 3:8).

 

8 Die Stimme meines Freundes!

Siehe! Dieser ist, der da kommt,

der über die Berge springt,

der schnell über die Hügel herzukommt.

9 Mein Freund gleicht einer stattlichen (Gazelle)

oder dem Hirschkitz.

Siehe! Dieser steht hinter unserer Wand,

schaut durch die Fenster,

blickt durch die (Insektenschutz-)Netze hindurch.

 

  Plötzlich hört die Geliebte die Stimme ihres Freundes. Siehe, er kommt eilends, alle Hindernisse wie eine Gazelle oder ein junger Hirsch mit Leichtigkeit überwindend. jetzt ist er ganz nah am Haus ihrer Eltern und schaut durch die Fenster, um sie zu sehen.

  Nur das auserwählte, das gläubige Israel hört die Stimme Jesu (Joh. 10:27) und heißt den Kommenden im Namen Jewes willkommen (Ps. 118:26; Mat. 16:27; 21:9).

 

10 Mein Freund antwortet und spricht zu mir:

Erhebe dich, meine Freundin, meine Schöne,

und komm doch!

11 Denn siehe! Der Herbst ging vorüber,

und der Platzregen zog vorbei, ging dahin.

12 Die Dolden sind zu sehen im Land,

die Zeit des Beschneidens (der Bäume und Sträucher) kam,

und die Stimme der Turteltaube wird gehört in unserem Land.

13 Der Feigenbaum überzog seine Jungfeigen (mit) klebrigem (Balsam),

und die Rebstöcke haben Knospen und geben (ihren) Duft.

Erhebe dich, komm, meine Freundin, meine Schöne,

und komm doch!

14 Meine Taube in den Klüften der Steilfelsen,

in der Verbergung des Felsensteigs:

Lass mich sehen dein Aussehen,

lass mich hören deine Stimme,

denn deine Stimme ist angenehm,

und dein Aussehen ist begehrt.

 

  Es ist Zeit für die Geliebte, sich zu erheben und zum Geliebten zu kommen, der ihre Stimme hören und ihre Schönheit sehen will. Es ist Frühling. Mit innerster Regung sehnen sich Liebende nach einander.

  »Meine Freundin, komm doch!« Dies drückte Jesus mit den Worten aus: »Erfüllt ist die Frist, und genaht hat sich das Königreich Gottes. Sinnt um und glaubt an das Evangelium!« (Mark. 1:15).

  Wenn der Weinstock Israel beschnitten, die keine Frucht bringenden Reben entfernt, der ungläubige Teil also abgeschnitten wird, dann trägt das geliebte Volk noch mehr Frucht (Joh. 15:2).

  Die Geliebte wird Taube genannt. Die Taube ist ein Symbol des heiligen Geistes (Mat. 3:16; Luk. 3:22). Ohne den Geist Gottes ist die Geliebte Jesu nicht denkbar.

 

15 Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse,

die die Weinberge verderben.

Und unsere Weinberge haben (ja) Knospen.

16 Mein Freund ist mein,

und ich bin sein,

des Hirten inmitten der Lilien.

17 Bis der Morgenwind des Tages aufkommt und die Schatten fliehen,

umkreise (wandle umher), und gleiche du, mein Freund,

der stattlichen (Gazelle) oder dem Kitz der Hirsche

auf den Bergen des Zweigeteilten (Felsens).

 

  Möge nichts die Liebe stören, kein kleiner Fuchs Stolz oder Selbstsucht in die Beziehung hineinmischen, mögen keine Unschicklichkeiten oder Missverständnisse zu Zerwürfnissen führen. Das ist der Wunsch der Geliebten.

  Hochbeglückt über die Anwesenheit ihres Freundes am Elternhaus erkennt und bekennt sie: Er ist mein, und ich bin sein! Welch' herrlichen Worte sind dies! Israel gehört nicht sich selber, sondern dem edlen Hirten. Israel ist Sein besonderes Eigentum (2. Mose 19:6; Joh. 1:11). Man lebt nicht mehr sich selber, sondern dem, der für uns starb und auferweckt wurde (2. Kor. 5:15). Die Liebe gibt alles auf

(1. Kor. 13:7).

  Da Jesus Liebe ist, gehört und lebt Er ebenfalls nicht Sich Selbst, sondern gibt Sich dahin als Lösegeld für die Vielen, die aus Israel Erwählten (Mat. 20:28).

 

Kapitel drei

 

1 Auf meiner Liege in den Nächten suchte ich ihn,

den meine Seele liebt.

Ich suchte ihn und fand ihn nicht.

2 Auferstehen will ich doch und will umherstreifen in der Stadt,

an den Tränken und auf den Plätzen will ich den suchen,

den meine Seele liebt.

Ich suchte ihn und fand ihn nicht.

3 Die Wächter fanden mich, die in der Stadt umherstreifen:

Ihr habt den gesehen, den meine Seele liebt?

4 Alsbald war's, dass ich von ihnen wegging

(und) bis ich den fand, den meine Seele liebt.

Ich fasste ihn und ließ ihn nicht mehr los,

bis ich ihn zum Haus meiner Mutter gebracht hatte,

ja zur Kammer meiner (mit mir) schwanger (Gewesenen).

5 Ich beschwöre euch, (ihr) Töchter Jerusalems,

inmitten der stattlichen (Gazellen) oder inmitten der Hirschkühe des Gefilds:

(Wehe), wenn ihr erwecken lasst,

(wehe), wenn ihr die Liebe erweckt,

bis es gefällt.

 

  Es folgt die Nacht der Abwesenheit des Geliebten. So sagt es der Traum der Geliebten. Jesus, der Messias, ist nicht mehr da, und Finsternis liegt über Israel – bis zum heutigen Tag.

  Die Geliebte sucht ihn und drückt auf diese Weise aus, was der Geist und die Braut sagen werden: »Komm! Komm, Herr Jesus!« (Off. 22:17, 20).

  Dann fand sie ihn. Und zwar wird dies dann sein, wenn alle, die Jewe fürchten, ausrufen: »Halleluja! Nun herrscht der Herr, unser Gott, der Allgewaltige! Freuen wir uns und lasst uns frohlocken und Ihm die Verherrlichung geben; denn die Hochzeit des Lämmleins ist gekommen, und seine Braut hat sich bereitgemacht« (Off. 19:6, 7).

  Ihr Töchter Jerusalems, weckt die Liebe nicht zu früh, wartet, bis die rechte Zeit für sie gekommen ist, bis es der Liebe, bis es Gott gefällt entsprechend Seinem Vorsatz für den Ablauf der Äonen, den Er in Christus Jesus gefasst hat (Eph. 3:11).

 

6 Wer ist diese, die aus der Wildnis hinaufsteigt wie Säulen vom Rauch,

aus dem Duft von Myrrhe und Weihrauch,

aus allem Gewürzpulver eines Händlers?

7 Siehe! Seine Liege, (sie), die dem Salomo (zu eigen)!

Sechzig Mächtige von den Mächtigen Israels sind rings um sie herum.

8 Sie alle haben das Schwert umfasst, sind Kampfgeübte,

jedermann (trägt) sein Schwert an seiner Hüfte

aufgrund des Ängstigenden der Nächte.

9 Einen Tragsessel machte sich der König Salomo aus Bäumen des Libanon,

10 seine Säulen machte er aus Silber, seine Ausstaffierung aus Gold,

sein Sitz (Sitzkissen) ist Rotpurpur,

sein Inneres von den Töchtern Jerusalems liebevoll mit glühenden (Edelsteinen verziert).

11 Gehet hinaus und sehet, (ihr) Töchter Zions,

den König Salomo in der Krone (dem Bräutigamskranz),

mit der seine Mutter ihn am Tag seiner Hochzeit krönte (bekränzte)

und am Tag der Freude seines Herzens.

 

  Ein prächtiger Hochzeitszug! Der Bräutigam zieht aus, um seine Braut aus ihrem Elternhaus in ihr neues, gemeinsames Heim zu holen. Es ist der Tag der Hochzeit (Off. 19:7) und der Tag der Herzensfreude des Bräutigams und Königs.

  Unser Herr Jesus Christus verglich Sein Einswerden mit Israel mehrmals mit einer Hochzeit (Mat. 22:1 - 14; 25:1 - 13; Luk. 12:35 - 37).

  Man mag bei der Frage: »Wer ist diese, die aus der Wildnis hinaufsteigt?« (Vers 6) durchaus an die Braut denken, die ja 1260 Tage lang in der Wildnis ernährt wird (und im duftenden Wohlgeruch ihres Glaubens aus ihr heraustritt), was Hosea 2:16, 17, Offenbarung 12:6 und das Hohelied 8:5 nahelegen.

 

Kapitel vier

 

1 Siehe! Du bist schön, meine Freundin!

Siehe! Du bist schön!

Deine Augen sind Tauben unter deinem Schleier,

dein Haar ist wie eine Herde von Ziegen,

die vom Berg Gilead herabwallen.

2 Deine Zähne sind wie eine Herde von frisch geschorenen Schafen,

die aus der Schwemme steigen,

die allesamt Zwillinge geboren,

und keiner von ihnen ist kinderlos.

3 Wie ein zweimal (in Karmesinfarbe getauchter) Faden sind deine Lippen,

und deine Natürlichkeit (oder: dein Mund, oder: dein Wort) ist begehrt.

Wie eine Scheibe der Granatfrucht ist deine Schläfe unter deinem Schleier.

4 Wie der Turm Davids ist dein Hals, gebaut zur Wehr.

Tausende von Großschilden sind an ihn gehängt,

alle die Schilde der Mächtigen.

5 Deine zwei Brüste sind wie zwei Kitze,

Zwillinge der stattlichen (Gazelle),

die, die inmitten der Lilien weiden.

6 Bis der Morgenwind des Tages aufkommt und die Schatten fliehen,

gehe ich für mich zum Berg der Myrrhe und zum Hügel des Weihrauchs.

7 Ganz und gar bist du schön, meine Freundin,

und kein Gebrechen ist an dir.

 

  So beschreibt der Bräutigam seine Braut in der Hochzeitsnacht. Eine schönere gibt es nicht! Israel ist unter allen Nationen herausragend überaus schön und erglänzt in der Herrlichkeit des Messias.

  »Erstehe, (Israel), leuchte, denn dein Licht kam, und die Herrlichkeit Jewes ging über dir auf« (Jes. 60:1). »Wie der Hochzeiter voller Wonne über die Braut ist, so ist dein Elohim voller Wonne über dich« (Jes. 62:5). »Freuet euch mit Jerusalem und frohlockt angesichts ihrer, alle, die ihr sie liebt! Seid voller Wonne, ja voller Wonne mit ihr, alle, die ihr über sie getrauert, damit ihr saugt und satt werdet von den Brüsten ihrer Tröstungen, damit ihr ausschlürft und euch labt an den Zitzen ihrer Herrlichkeit« (Jes. 66:10, 11).

  Der Hals der Braut ist majestätisch wie der Davidsturm und bringt ihre königliche Körper- und Geisteshaltung zum Ausdruck. Ihre Brüste sind weich wie die Decke eines Kitzes, die zum Streicheln anregt. Mit dem Berg der Myrrhe und dem Hügel des Weihrauchs sind die Büste der Braut gemeint. Sie duften atemberaubend (Myrrhe und Weihrauch waren von höchstem Wert). Bis zum Morgen (Vers 6) ergeht sich der Bräutigam in ihnen. Ohne Gebrechen ist die Braut (Vers 7); makellos und rein ist Israel, ein heiliges Volk ist es vom Tag der Wiederkunft Jesu und der Aufrichtung Seines Königreichs an (5. Mose 26:19; Jes. 62:12).

 

8 Samt mir vom Libanon, (meine) Braut,

samt mir vom Libanon mögest du kommen,

mögest gewahren vom Gipfel des Amana,

vom Gipfel des Senir und des Hermon,

von den Revieren der Löwen, von den Gebirgen der Leoparden her.

9 Du (beraubtest mich meines) Herzens, meine Schwester, (meine) Braut,

du (beraubtest mich meines) Herzens mit einem (Blick) deiner Augen,

mit einem Nackengeschmeide deines Kragenschmucks.

10 Wie schön sind deine Freundschaftserweisungen (Liebkosungen), meine Schwester, (meine) Braut!

Besser als Wein sind deine Freundschaftserweisungen (Liebkosungen),

und der Duft deiner Salböle ist herrlicher als alle Balsamdüfte.

11 Von Honigseim tropfen deine Lippen, (meine) Braut,

Honig und Milch sind unter deiner Zunge,

und der Duft deiner Tücher ist wie der Duft des Libanon.

12 Ein geschlossener (wohlbewahrter) Garten ist meine Schwester, (meine) Braut,

ein geschlossenes (wohlbewahrtes) Rollendes (oder: Wogendes),

eine versiegelte (wohlbehütete) Quelle.

13 Alles, was dir entsprosst, ist ein Paradies der Granatfrüchte sowie (anderer) köstlichen Früchte,

Hennasträucher sowie Narden,

14 (ein Paradies von) Narde und Safran, Würzrohr und Zimt

sowie allen Weihrauchstauden,

(von) Myrrhe und Aloen sowie edelsten Balsamspezereien.

15 Eine Quelle der Gärten (bist du),

ein Brunnen lebendiger (fließender) Wasser

und vom Libanon strömender (Wasser). –

16 Sei erweckt, Nordwind, und komm, Südwind!

Durchwehe meinen Garten,

sodass seine Balsamspezereien triefen mögen.

Mein Freund komme zu seinem Garten

und esse seine köstlichen Früchte. –

5:1 Ich kam zu meinem Garten, meine Schwester, (meine) Braut.

Ich rupfte meine Myrrhe samt meinem Balsamkraut,

ich aß meinen Waldertrag samt meinem Honig,

ich trank meinen Wein sowie meine Milch. –

Esst, Gefährten, trinket

und berauscht euch an den Freundschaftserweisungen!

 

  Der Bräutigam spricht in der Hochzeitsnacht sein Entzücken über seine Braut aus (Verse 8 bis 15). Dann lädt sie ihn ein, zu ihr einzugehen (Vers 16). In Kapitel fünf, Vers eins, berichtet er, dass er dies tat. Dieser Vers endet mit dem Aufruf an die Hochzeitsgäste, fröhlich zu feiern.

  Von den Höhen des Libanon her, von den Höhen des Glücks her möge die Braut gewahren (Vers 8), dass die Liebe des Bräutigams ganz ihr gehört, sie sein Herz gewonnen hat und sie ihm den Atem raubt (Vers 9). Der Amana ist der östliche Teil des Antilibanon, und Senir und Hermon sind Gipfel im Hermongebirge.

  Der Bräutigam redet die Seine auch mit »Schwester« an. Das war damals ein Kosewort für die Ehefrau.

  Nach dem Herzensbekenntnis des Geliebten erweist sie ihm ihre Freundschaft, mit der Liebkosungen, Küsse und andere Zärtlichkeiten gemeint sind (Vers 10).

  Ihre Lippen träufeln Milch und Honig (Vers 11) und bereiten dem Bräutigam Hochgenuss. Ebenso wird Israel das Land werden, wo Milch und Honig fließen (2. Mose 3:8) und Wohlstand, Segen und Freude quillen.

  Die Braut ist wohlbewahrt und wohlbehütet (Vers 12), eine bislang unberührte, reine Jungfrau. Was Israel anbelangt, die Ehebrecherin, sie ist, wenn Jesus sie in der Gnade wieder annimmt, ebenfalls so rein wie eine jungfräuliche Braut.

  Die Braut ist eine Quelle lebendigen, das heißt fließenden und daher reinen Wassers, Leben gebend, ebenso wie solches vom Libanon herabströmt (Vers 15) und die Gärten und Felder Israels bewässert. Lebendiges Wasser im Vollsinn des Wortes wird von dem wiedervermählten Israel ausgehen und alle Welt erfreuen (Hes. 47:12; Off. 22:1), weil der Herr Jesus Christus und alle Gläubigen Israels Geist und Leben vermitteln werden, wie Jesus ausrief: »Wenn jemand dürstet, komme er zu Mir und trinke! Wer an Mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.« Das sagte Er von dem heiligen Geist (Joh. 7:37 - 39; Jes. 44:3).

  Ganz Israel wird bekennen und bezeugen: »Alle meine Quellen sind in Dir! (Ps. 87:7).

 

Kapitel fünf

 

  Mit Kapitel fünf, Vers zwei, beginnt der zweite Hauptteil des Liedes der Lieder, des schönsten Liedes aller Lieder. Er beschreibt das Suchen Israels nach dem Messias, König und Bräutigam in der Endzeit, den letzten sieben Jahren des gegenwärtigen bösen Äons (Gal. 1:4) und ihrer Vereinigung zu Beginn des tausendjährigen Königreichs (7:7 - 8:4).

  Wir, die Glieder der Gemeinde, die Christi Körper ist (Eph. 1:23) – wir sind nicht die Braut –, wurden bereits verwandelt (Röm. 8:29;

1. Kor. 15:51) und zu Ihm hin entrückt (1. Thess. 4:17).

 

5:2 Ich schlief. Aber mein Herz war erweckt.

(Horch), die Stimme meines Freundes, des Anklopfenden:

Öffne mir, meine Schwester, meine Freundin,

meine Taube, meine Vollendete (Makellose),

da mein Haupt voll Tau ist,

meine Haarsträhnen (voll) Rieselungen der Nacht.

 

  Israel schläft. Es ist verworfen (Röm. 11:15). Zu Beginn der Gerichtszeit wendet Sich der Herr Jesus Christus Seinem Volk wieder zu. Es ist Nacht. Er klopft an und ruft es. Die Sendschreiben an die sieben Gemeinden sollen Israel aus dem Schlaf erwecken (Off. 2 + 3). Die Briefe des Jakobus, Petrus, Johannes und Judas dienen ebenfalls diesem Zweck.

  Jesus spricht: »Siehe, Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand Meine Stimme hört und die Tür öffnet, zu dem werde Ich auch hineingehen und das Mahl mit ihm halten und er mit Mir« (Off. 3:20). »Glückselig sind jene Sklaven, die der Herr bei seinem Kommen wachend finden wird!« (Luk. 12:37).

 

3 Ich habe mein Unterkleid (schon) ausgezogen,

wieso (sollte) ich mich mit ihm (wieder) bekleiden?

Ich badete meine Füße,

wieso (sollte) ich sie (wieder) beschmutzen? –

4 Mein Freund entsandte (streckte) seine Hand durch das Riegelloch,

da tumulteten meine Eingeweide auf ihn zu.

 

  Die Geliebte hat keine Lust. Sie liegt bequem im Bett und ist gleichgültig. Wenn sie aufstünde und durch die Stube liefe, würden ihre Füße wieder staubig. Warum sollte sie sich erheben und mühen, sich mit gerechten Taten einzukleiden (Off. 19:8)? Israel ist lau und läuft Gefahr, ausgespien zu werden (Off. 3:16).

  Als der Freund dann aber seine Hand durch das Loch in der Tür steckt, um den Riegel von innen wegzuschieben, kommt eine gewaltige innere Liebeserregung über sie. Sollte der Messias jetzt wirklich kommen und alle Verheißungen erfüllen?

 

5 Ich stand auf, ich, meinem Freund zu öffnen,

und meine Hände tropften von Myrrhe,

und meine Finger von überfließender Myrrhe

auf den Griffen des Schlosses.

6 Ich öffnete, ich, meinem Freund,

jedoch mein Freund war entsprungen, war weggegangen.

Meine Seele ging hinaus infolge seines Redens.

Ich suchte ihn, aber ich fand ihn nicht,

ich rief ihn, aber er antwortete nicht.

7 Es fanden mich die in der Stadt umherstreifenden Wächter,

sie schlugen mich, verwundeten mich.

Die Wächter der Mauern nahmen mir meine Kopfbedeckung weg.

8 Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems:

Wenn ihr meinen Freund findet,

was berichtet ihr ihm?

Dass ich krank vor Liebe bin!

 

  Der Geliebte hatte die Tür wegen ihrer Gleichgültigkeit nicht geöffnet, sondern sich entfernt. Hätte die Geliebte doch an Jesaia 55:6 gedacht: »Forschet nach Jewe in der Zeit, in der Er gefunden wird, rufet Ihn an in der Zeit, in der Er nahe ist.«

  Als sie hoffnungsvoll öffnet, erkennt sie, dass er nicht mehr da ist. Jetzt wird ihr die Bedeutung ihres Geliebten bewusst, sodass sie ihn sucht. Die Hand des Messias, des Gesalbten, hatte eine Salbung, und zwar Myrrhe, auf den Griffen des Schlosses zurückgelassen. Myrrhe war ein Bestandteil des heiligen Salböls im Tempel (2. Mose 30:23) und ein Geschenk der drei Magier aus dem Morgenland an das Knäblein Jesus (Mat. 2:11), ein deutliches Zeichen mithin. Sie geht hinaus in die Nacht, aber sie findet ihn nicht. Wie unser Herr Jesus Christus sagte: »Ihr werdet Mich suchen und nicht finden«» (Joh. 7:34). »Dann werden sie Mich rufen, aber Ich werde nicht antworten, früh werden sie Mich suchen, aber Mich nicht finden, weil sie Erkenntnis gehasst und es nicht erwählt haben, Jewe zu fürchten« (Spr. 1:28, 29).

  Widerstand schlägt der Geliebten entgegen, Israel muss Drangsale und Leiden erdulden. Von der Mitte des letzten Jahrsiebener an »wird eine derartig große Drangsal sein, wie sie seit Anfang der Welt bis nun noch nicht gewesen ist, noch je sein wird« (Mat. 24:21). Umso klarer wird es Israel, dass Jesus von Nazareth ihr Messias und König ist und sie Ihn lieben. Das liebende Volk ist krank vor Liebe zu Ihm!

  Und da geschieht's: »Suchet, und ihr werdet finden« (Mat. 7:7). »Und ihr sucht von dort (der Zerstreuung unter den Völkern) aus Jewe, deinen Elohim, und du wirst Ihn finden, wenn du Ihm denn nachforschst mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele« (5. Mose 4:29).

  Dann spricht die Geliebte die Töchter, ja alle Einwohner Jerusalems an (Vers 8): Wenn ihr meinen Freund findet, dann berichtet ihm doch, dass ich krank vor Liebe bin. Die Liebe hatte sie nun völlig ergriffen. Dass die Gläubigen den Herrn Jesus lieben, kriegen nun auch die anderen Juden mit.

 

9 Was (hat) dein Freund mehr als ein (anderer) Freund,

(du), die Schönste inmitten der Frauen?

Was (hat) dein Freund mehr als ein (anderer) Freund,

sodass du uns so beschworen hast?

 

  Die Töchter Jerusalems fragen, was denn Besonderes an dem Freund sei. Die Geliebte antwortet:

 

10 Mein Freund ist blendend weiß und rot,

ein Panierträger,

bedeutender als eine Myriadenschaft (eine Zehntausendschaft).

11 Sein Haupt ist gleißendes Gold,

seine Haarsträhnen sind Gehänge, schwarzrot wie der Rabe;

12 seine Augen sind wie Tauben an den Flussbetten der Wasser,

badend in Milch, sitzend in (einer Fassung) der Fülle;

13 seine Wangen sind wie ein Balsambeet,

wie Türme von Gewürzen;

seine Lippen sind Lilien,

von übergehender Myrrhe tropfend.

14 Seine Hände sind wie rollende (Achsen) aus Gold,

besetzt mit Tarschisch(-Edelsteinen);

sein Unterleib ist ein Werk aus Elfenbein,

gefärbt durch (darin befindliche) Saphire.

15 Seine Schenkel sind Säulen aus sechs (verwundenen Strängen),

gegründet auf Grundfesten (Füßen) aus gleißendem (Gold).

Sein Aussehen ist wie der Libanon,

erlesen wie die Zedern.

16 Sein Gaumen ist Süßigkeit,

und alles an ihm ist (lieblich und daher) begehrt.

Dies ist mein Freund,

ja dies ist mein Gefährte,

(ihr) Töchter Jerusalems.

 

  Bei Seinem ersten Kommen war Jesus von den Juden gar nicht begehrt, sondern verachtet und gemieden, Er hatte kein besonderes Aussehen und Ansehen (Jes. 53:2, 3). Im Begriff, zum zweiten Mal zu kommen, erkennen sie nun Seine Schönheit, Seine Ihm von Gott gegebene Herrlichkeit.

  Er ist weiß; das ist die Farbe der Gerechtigkeit. Er ist rot; einst gab Er Sein Blut zur Sühnung der Sünden Israels und der ganzen Welt

(1. Joh. 2:2), jetzt zeugt Seine rötliche Hautfarbe vom blühenden Leben, vom Leben für jeden.

  Sein Haupt ist aus gleißendem Gold; Er ist der souveräne König, der Herr der Herren und der König der Könige. Seine Augen sind so friedlich und sanft wie Tauben. Rein wie Milch ist Sein Blick. Aus Seinem Mund gehen mit der Myrrhe vergleichbare kostbare Worte hervor. Seine Süßigkeiten sind Aufrichtigkeit und Wahrheit. Edel wie Elfenbein und majestätisch wie die Zedern des Libanon ist Er.

  Mögen noch viele Juden erkennen – möge der Vater es ihnen geben zu erkennen –, dass Jesus ihr Retter aus Sünde und Tod und aller Not ist, ihr Messias, ihr Herr und König.

 

Kapitel sechs

 

1 Wohin wandelte dein Freund,

(du), die Schönste inmitten der Frauen?

Wohin wandte sich dein Freund,

sodass wir ihn mit dir suchen? –

2 Mein Freund stieg hinab zu seinem Garten, zu den Balsambeeten,

um in den Gärten zu hirten und Lilien aufzulesen.

3 Ich bin meines Freundes,

und mein Freund ist mein,

(er), der Hirte inmitten der Lilien.

 

  Die Töchter Jerusalems sind von der Beschreibung des Bräutigams durch die Braut in Kapitel 5:10 - 16 so beeindruckt, dass sie bereit sind, ihn zusammen mit der Schönsten unter den Frauen zu suchen. Sie weiß aber, wo ihr Geliebter ist, sodass die Töchter Jerusalems – vielleicht war es ihnen gar nicht ernst – ihn nicht aufsuchen. Schließlich werden nur die ernstlich Suchenden finden, wird nur das Israel der Auswahl für das äonische Königreich gerettet.

  »Ich bin meines Freundes, und mein Freund ist mein.« Sie ist sich der gegenseitigen Zugehörigkeit mithin gewiss. Und so geht sie in den Garten, wie sie in Vers elf berichtet, um zu sehen, ob der Rebstock knospt und der Granatapfelbaum Dolden bildet, ob ihre Liebe denn nun wie im Frühling erblüht. Ob der Geliebte ihr ihre Gleichgültigkeit (Kap. 5:3) verziehen hat?

  Dort im Garten vernimmt sie die Stimme ihres Bräutigams, der sie preist und von Herzen liebt (Verse 4 - 10):

 

4 Schön bist du, meine Freundin, wie Tirza,

begehrt wie Jerusalem,

grauenerregend (erbebenmachend) wie paniertragende (Heere).

5 Lass deine Augen sich herzuwenden aufgrund meiner Gegenwart,

da sie, ja sie mich erkühnen!

Deine Haare sind wie eine Herde von Ziegen,

die von dem (Berg) Gilead herabwallen.

6 Deine Zähne sind wie eine Herde von Mutterschafen,

die aus der Schwemme steigen,

die allesamt Zwillinge geboren,

und keiner von ihnen ist kinderlos.

7 Wie eine Scheibe der Granatfrucht

ist deine Schläfe unter deinem Schleier.

8 Sechzig Königinnen sind es (habe ich)

und achtzig Nebenfrauen und zahllose Jungfrauen,

9 (aber) nur eine (Einzige) ist sie,

meine Taube, meine Vollendete (Makellose);

eine (Einzige) ist sie für ihre Mutter,

eine Lautere ist sie für die, die sie gebar.

Sehen sie die Töchter, so preisen sie sie glückselig,

die Königinnen und Nebenfrauen, sie loben sie.

10 Wer ist diese, die herabblickt wie die schwarze Morgenröte,

die schön ist wie der Weiße (der Mond),

klar ist wie die Heiße (die Sonne),

grauenerregend (erbebenmachend) wie paniertragende (Heere)?

 

  Er ist überwältigt von ihrer Schönheit und Makellosigkeit, Er hat sie lieb. Kein Makel wird an dem wiedergeborenen Israel gefunden werden.

  Tirza (Vers 4) war eine schöne Stadt nordöstlich von Sichem. Es dürfte aber Tirza, eine der Töchter Zelofhads (4. Mose 26:33; 27:1), gemeint sein, eine der Erbtöchter, die ein Losteil bekamen. Israel wird die gesamte Erde als sein Losteil einnehmen (5. Mose 26:19; 28:1; Dan. 2:44; 7:14; Ps. 37:11; Mat. 5:5; Off. 11:15).

  Die Braut wendet ihre Augen (Vers 5) Jesus, dem Urheber und Vollender ihres Glaubens, zu (Heb. 12:2).

  Für »Jungfrauen« (Vers 8) heißt es wörtlich »Verheimlichte« (heb. OLME, punktiert ÄLMaH); das sind solche, die nicht nur von einem Mann unberührt sind, sondern auch von noch keinem angeschaut wurden. »Jungfrau« heißt hebräisch BTULE, punktiert BöTULaH. Die Mutter Jesu war eine »Jungfrau« (Mat. 1:23) und eine »Verheimlichte« (Jes. 7:14).

 

11 Zum Garten der Nussbäume stieg ich hinab,

um die Ähren des Bachtals zu sehen,

um zu sehen, ob der Rebstock knospt,

ob der Granatapfelbaum Dolden bildet;

12 nicht erkannte (wusste) ich's (zunächst).

(Dann jedoch:) Meine Seele versetzte mich zu den schnellen Fahrzeugen meines willigen (edlen) Volkes.

 

  Die Braut war in den Nussbaumhain hinabgestiegen, um zu sehen, ob ihre gegenseitige Liebe nun wieder wie im Frühling erblühen dürfe, was sie zunächst nicht wusste. Nachdem aber der König sie mit dem Lobpreis ihrer Schönheit seiner Liebe versichert hatte (Verse 4 - 10), ist ihre Seele hoch auf die Prachtwagen ihres Volkes erhoben, das insgesamt willig und edel ist.

 

Kapitel sieben

 

1 Kehre zurück, kehre zurück, Schulamit!

Kehre zurück, kehre zurück, damit wir dich anschauen! –

Was (wollt) ihr an der Schulamitin anschauen

wie beim »Mahanajim«-(»Doppelheerlager«-)Wirbeltanz? –

 

  Vielleicht hatte der König seine Braut – wir erfahren jetzt ihren Namen: Schulamit, das heißt Befriedete – auf einen der Prachtwagen gestellt, sodass die Einwohner (die Sprecher sind der Grammatik nach männlich) Jerusalems rufen, dass sie doch zurückkehren möge, damit sie sie anschauen und wie beim Anschauen eines Tanzes ihre Lust haben können. Das ist aber nicht die Aufgabe des heiligen Volkes. Der König weist das Ansinnen zurück.

  Die Szene wechselt und wird intim; der König wendet sich seiner geliebten Schulamit zu.

2 Wie schön sind deine Füße in den Sandalen,

(du) Tochter eines Willigen (Edlen)!

Die wippenden Wölbungen deiner Hüften sind wie Geschmeide,

ein Werk der Hand eines Könners.

3 Dein Nabel ist wie ein Napf in Halbmondform;

nicht ermangle es der Überdeckung.

Dein Bauch ist wie ein Weizenhaufen

inmitten der Lilien.

4 Deine zwei Brüste sind wie zwei Kitze,

Zwillinge der stattlichen (Gazelle).

5 Dein Hals ist wie ein Turm aus Elfenbein,

deine Augen sind wie die Stauteiche in Hesbon am Tor Bat-Rabim,

deine Nase ist wie ein Turm des Libanon,

nach Damaskus spähend.

6 Dein Haupt auf dir ist wie der Karmel

und dein aufgewundenes Haar deines Hauptes wie Rotpurpur.

Der König ist gefesselt von den Rinnen (deiner Locken).

 

  Dies ist eine Beschreibung der Hochzeitsnacht. Der Herr Jesus Christus wird Seine Wonne an dem heiligen und gerechten, gläubigen und treuen Israel haben: »Und sie (die Stadt Jerusalem) wird Mir zum Namen der Wonne, zum Lobe und zur Zier gegenüber allen Nationen des Erdlands« (Jer. 33:9).

 

7 Wie bist du (so) schön,

und wie (sehr stehst) du (mir) bei,

(du) Liebe in den Wonnen!

8 Dein hoher Wuchs gleicht der Palme

und deine Brüste den Traubenbüscheln.

9 Ich sprach: Ersteigen will ich die Palme,

will erfassen ihre Rispen,

und es (sollen mir) doch deine Brüste wie Traubenbüschel des Rebstocks werden

und der Duft deiner Nase (deines Atems) wie der von Äpfeln

10 und dein Gaumen (dein Mund) wie der gute Wein,

(wie) geraden Wegs zu meinem Freund fließend,

die Lippen der Schlafenden netzend.

 

  Der König drückt sein weiteres Entzücken aus. Er bezeichnet seine Braut sogar als die Liebe selbst (Vers 7). Ebenso wie Gott Liebe ist

(1. Joh. 4:8) und die Liebe Gottes in unseren Herzen ausgegossen ist (Röm. 5:5), wird auch Israel voll Liebe sein.

  Datteln von der Palme, Äpfel, Trauben und Wein vom Rebstock – Israel wird Frucht bringen, Frucht des heiligen Geistes: Wahrheit, Reinheit, Gerechtigkeit, Liebe, Gehorsam, Treue, edle Werke, und dies zur Freude ihres Herrn Jesus Christus (Jes. 3:10; 32:19; 57:19;

Ps. 1:3; Spr. 1:31; 8:19; Mat. 3:8; 21:41, 43; Joh. 15:5).

 

11 Ich bin meines Freundes,

und er strebt zu mir hin.

12 Gehe (Auf!), mein Freund,

wir gehen hinaus auf das Gefild,

wir wollen nächtigen unter den Hennasträuchern.

13 Wir wollen früh (hinausgehen) zu den Weinbergen,

wollen sehen, ob der Rebstock knospt,

ob sich die Knospenhülle öffnet,

ob die Granatapfelbäume Dolden bilden.

Dort gebe ich dir meine Freundschaftserweisungen (Liebkosungen).

14 Die Alraunen geben (ihren) Geruch,

und an den Türen sind allerlei Kleinodien, neue und auch vorjährige;

mein Freund, für dich habe ich sie aufbewahrt.

 

  Israel als die regierende und priesterliche Nation gibt sich seinem Messias und König hin zu einem hingebungsvollen Dienst, insbesondere, alle Nationen zu Jüngern Jesu zu machen (Mat. 28:19).

  Alraunen (auch »Liebesäpfel« genannt) dienten als besondere Liebesgabe (1. Mose 30:14). So wie die an den Türen hängenden Kostbarkeiten, wohlriechenden Zweigen und Gewürzen, wird Israel ein Wohlgeruch für Gott sein.

 

Kapitel acht

 

1 Wer gibt dich mir als Bruder,

der ein Säugling an den Brüsten meiner Mutter war?

Finde ich dich draußen, küsse ich dich;

selbst dann verachten sie mich nicht.

2 Ich führe dich, ich bringe dich zum Haus meiner Mutter,

die mich belehrte (oder: du belehrst mich).

Ich gebe dir zu trinken vom Würzwein,

vom Most meines Granatapfelbaums.

3 Seine Linke ist unter meinem Haupt,

und seine Rechte umarmt mich.

4 Ich beschwöre euch, (ihr) Töchter Jerusalems:

Was wollt ihr erwecken lassen,

und was wollt ihr die Liebe erwecken,

ehe es ihr selber gefällt?

 

  Die Liebe war erweckt worden und ist zur ehelichen Erfüllung gekommen, als es ihr selber gefiel, als die rechte Zeit nach Gottes Vorsatz (Eph. 3:11) gekommen war. Jetzt darf die Frau ihren Ehemann wie einen leiblichen Bruder in der Öffentlichkeit küssen. Mit der Aufrichtung des Königreichs Israel ist die Liebe zwischen dem Messias und Seinem Volk öffentlich.

  Wenn ihr Ehemann ihr Bruder wäre, würde sie ihn in das Haus ihrer Mutter führen und ihm vom Besten zu trinken geben (Vers 2); dies besagt, dass sie nun als die Frau des Hauses ihrem Ehemann das Beste gibt, der wiederum sie umarmt und herzlich liebt (Vers 3).

 

5 Wer ist diese, die aus der Wildnis hinaufsteigt,

sich den Weg bahnend auf ihren Freund zu?

Unter dem Apfelbaum erweckte ich dich,

dort umgab dich (in den Wehen) deine Mutter,

dort umgab dich (in den Wehen), die dich gebar.

6 Lege mich als Siegel auf dein Herz,

als Siegel auf deinen Arm!

Denn stark wie der Tod ist die Liebe,

hart wie der Scheol (ihr) Eifer;

ihre Flammen sind Flammen des Feuers,

sind eine Feuerlohe Jes.

7 Viele Wasser können die Liebe nicht auslöschen,

und Ströme überspülen sie nicht.

Wenn ein Mann alles Vermögen seines Hauses

als Gegenwert für Liebe geben wollte,

verachten, ja verachten würde man ihn.

 

  Der Ehemann spricht.

  Wer kommt da aus der Wildnis? Vierzig Jahre lang wanderte Israel unter Mose durch die Wildnis Sinai, und dreieinhalb Jahre lang wird das gläubige Israel in den Bergen der Wüste Juda sein (Mat. 24:16; Off. 12:6, 14). In der Wildnis macht Jewe Elohim Israel zugänglich und redet dem Volk ins Herz, sodass es ausruft: »Mein Mann!« Dann wird der neue Bund, der durch Jesu Blut gestiftet ist, geschlossen (Hos. 2:16 - 20). »Und ich (Jewe) gelobe dich Mir an für äonisch, und Ich gelobe dich Mir an in Gerechtigkeit und Zurechtbringung, in Huld und in Erbarmungen. Und Ich gelobe dich Mir an in Treue, und du erkennst Jewe« (Hos. 2:21, 22).

  Unter dem Apfelbaum, einem volkstümlichen Symbol für romantische Liebe, erweckte Jewe Israel. Hier mag man an Abraham, Isaak und Jakob sowie die zwölf Stammväter denken, aber auch an  die Sendschreiben an die sieben jüdischen Gemeinden (Off. 2 +3), mit denen aufgerufen wird, wachsam zu werden (Off. 3:2; vgl. 16:15). Zudem werden sich die Briefe des Jakobus, Petrus, Johannes und Judas als Weckrufe erweisen.

  Es folgt Vers sechs. Höre, Israel, Mein Volk, lege Mich, Jesus, deinen Messias und König, als Siegel auf dein Herz, mithin auf deine innersten Regungen der Liebe, des Denkens und Wollens, und als Siegel auf deinen Arm, nämlich auf all dein Handeln und Dienen!

  Ein Siegel ist ein unantastbares und unauflösliches Zeichen im Herrschafts-, Besitz- und Vertragsrecht; es dient zur Unterzeichnung, Beglaubigung und Bestätigung und kann von niemandem aufgebrochen werden. Israel ist für die beiden kommenden Äonen unverbrüchlich mit Jesus, dem Sohn Gottes, verbunden.

  Übrigens sind wir, die Glieder der Gemeinde, die Christi Körper ist (Leibesgemeinde; Eph. 1:23), mit dem heiligen Geist versiegelt (2. Kor. 1:22; Eph. 1:13); wir können unsere Rettung also nicht verlieren.

  Die Begründung für den unverbrüchlichen Ehebund Jesu mit Israel lautet: »Denn stark wie der Tod ist die Liebe, hart wie der Scheol (ihr) Eifer; ihre Flammen sind Flammen des Feuers, sind eine Feuerlohe Jes.«

  Die Liebe ist so stark wie der Tod, der jeden besiegt, dem niemand widerstehen kann. Niemand kann sich der Liebe Gottes, die in der Dahingabe Seines Sohnes für Sünder und Gottesfeinde zum Ausdruck kommt, auf Dauer widersetzen. Die Liebe Gottes wird alle an Sein Herz ziehen.

  So hart wie der Scheol (das Unwahrnehmbare, poetisch ausgedrückt: das Totenreich) ist, so unausweichlich zwingend das Grab ist, so ist der Eifer der Liebe. Sie ist eifrig, energisch und zielstrebig und lässt sich durch nichts ablenken oder aufhalten. Die Liebe des Christus drängte den Paulus (2. Kor. 5:14). Die Liebe – »alles (ohne Ausnahme) gibt sie auf, alles (ohne Ausnahme) glaubt sie, alles (ohne Ausnahme) erwartet sie, alles (ohne Ausnahme) erduldet sie« (1.Kor. 13:7). Auch von der Furcht bleibt nichts mehr übrig, denn »die vollkommene Liebe treibt die Furcht hinaus« (1. Joh. 4:18).

  Die Flammen der Liebe stammen von Je. (Je ist die Kurzform von Jewe und bedeutet den »Wird-sein«, den alles »Werdenmachenden«.) Die Flammen, das Wirken der Liebe mithin ist leidenschaftlich, alles mitreißend. »Gott hebt uns gegenüber Seine Liebe dadurch hervor, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren« (Röm. 5:8). Diese Seine Liebe entflammte unsere Herzen und wird in der Vollendung alle erfassen (1. Kor. 15:20 - 28) und alle zur Huldigung führen: »Herr ist Jesus Christus!, zur Verherrlichung Gottes, des Vaters« (Phil. 2:11).

  Viele Wasser, ja sogar Ströme (Vers 7) können die Liebe nicht auslöschen, im Gegenteil, die Liebe gewinnt auch ihre Herzen.

  Und sollte jemand Liebe kaufen wollen – man würde ihn ganz und gar verachten (vgl. 1. Kor. 13:3). Wie aber erlangt man die Liebe? Sie ist eine Gabe Gottes. Man kann sich nur mit ihr beschenken lassen. In unseren Herzen hat Gott Seine Liebe bereits ausgegossen durch den uns gegebenen heiligen Geist (Röm. 5:5).

 

  Wie am Anfang in Kapitel eins, Vers sechs, so ist auch am Ende des Hoheliedes wieder von den Brüdern die Rede. Die Brüder der Schulamit, die sie in die Weinberge geschickt hatten, sprachen einst über sie:

8 Wir haben eine kleine Schwester,

und sie hat noch keine Brüste.

Was tun wir für unsere Schwester an dem Tag,

an dem ihr bezüglich (werbend) geredet wird?

9 Wenn sie eine Mauer ist,

erbauen wir auf ihr Zinnen aus Silber,

und wenn sie eine Tür ist,

verrammeln wir sie mit Bohlen aus Zedern. –

 

  Wenn Schulamit eine Mauer war und den Annäherungsversuchen mancher Männer und den Versuchungen widerstand, sie sich also für den Einen, den wahren König ihres Herzens, rein erhielt, wollten die Brüder sie ehren. Sollte sie aber offen sein wie eine Tür und dem Liebeswerben und den Verlockungen schnell nachgeben, wollten sie sie wenn nicht einschließen, so doch ihre Bewegungsfreiheit beschränken.

  Aber Schulamit kann nun als Bewährte und Ehefrau freudig ausrufen:

 

10 Ich bin eine Mauer,

und meine Brüste sind wie Türme.

Somit wurde ich in seinen (Salomos) Augen

wie eine, die Frieden gefunden hat.

 

  Salomo, heb. SchLME, punktiert SchöLoMoH, bedeutet Frieden(geben)der. Schulamit, heb. SchULMIT, punktiert SchULaMIT, bedeutet Befriedete. Schon von den Namen her gehören diese beiden zusammen. Sie hat in den Augen Salomos Frieden, heb. SchLUM, punktiert SchaLOM, gefunden. Der Begriff schließt auch Wohlstand und Zufriedenheit ein. Der König ist sehr zufrieden mit seiner Ehefrau. »Schalom« darf auch als »völliges Wohlbefinden« verstanden werden, in diesem Zusammenhang in der ehelichen Erfüllung. Im Königreich unter dem Messias Jesus wird Israel völligen Frieden haben.

 

11 Ein Weinberg wurde dem Salomo in Baal-Hamon zuteil;

er gab den Weinberg den Hütern.

Jeder erwirtschaftet mit seiner Frucht 1.000 Schekel Silber.

12 Mein Weinberg, der meine,

ist vor meinem Angesicht.

Die 1.000 Schekel sind dein, Salomo,

und 200 sind den Hütern seiner (des Weinbergs) Frucht.

 

  Der dem Salomo zuteilgewordene Weinberg ist seine Geliebte selbst. Einst arbeitete sie im Weinberg (Kap. 1:6).

  In Vers 12 a dürfte Salomo sprechen. Er blickt seinen Weinberg an, den seine Ehefrau ihm schenkte. Aber ja, sie selbst schenkte sich ihm. In Vers 12 b antwortete sie ihm, dass ihm auch alle Frucht gebühre. Ein Schekel wog vermutlich 12 g. Das Geschenk an Salomo beträgt 1.000 Schekel, also 12 kg, der Lohn der Hüter 200 Schekel, also 2,4 kg.

  Im Königreich wird der Weinberg Israel (Jes. 5:1 - 7) dem König Jesus den vollen Ertrag und Gewinn bringen. Eine Frucht des Friedens wird es sein, dass der Rebstock seine Frucht bringt (Sach. 8:12). Wie wir wissen, bringen die Reben nur deshalb ihre Frucht, weil Jesus der wahre Rebstock und Israel in Ihm ist (Joh. 15:56). Ja, Jesus erweist denen, die Ihn lieben und Seine Gebote halten, Seine Huld für tausend Generationen (2. Mose 20:6).

 

  Zum Schluss bringt das liebende Ehepaar sein immerwährendes Zueinanderhingezogensein zum Ausdruck.

 

13 (Du), die (du) in den Gärten wohnst:

(Deine) Gefährten merken auf deine Stimme;

lass mich (sie) hören! –

14 Fliehe (eile), mein Freund, (zu mir),

und gleiche (dabei) der stattlichen (Gazelle)

oder dem Kitz der Hirsche

auf den Bergen der Balsamspezereien.

 

  Israel wohnt nun im Paradies (Off. 2:7); Völker hören auf ihre Stimme, der Ehemann aber will in erster Linie allezeit ihre eheliche Liebeserklärung, ihre Gebete und ihren Lobpreis hören. Und wenn sie Ihn, Jesus, ihren Messias und König, in Seinem Namen um etwas bittet, dann wird Er dies tun (Joh. 14:14).

  Die Ehefrau antwortet: Komme eilends zu mir und genieße allezeit die Balsamspezereien auf meinen Brüsten. (In Kap. 4:6 waren mit dem Berg der Myrrhe und dem Hügel des Weihrauchs ebenfalls die Brüste gemeint.) Der Herr Jesus wird allezeit die Wonne der völligen Hingabe Israels an Ihn erfahren.

  Das Lied der Lieder, das schönste aller Lieder ist das auf die Liebe, die Liebe, die zur Ehe führt und sich in der Ehe erfüllt. Das Schönste auf der Erde ist das heilige, gläubige und treue Volk Israel, das für den Sohn Gottes und damit für Gott da ist, der Liebe ist und dessen Liebe es erwidert.

 

 

Dieter Landersheim

Höhenstraße 11

65824 Schwalbach a. Ts.

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